Waldrapp
© n e u e d i c h t e r s c h u l e
von
B R U N O Z I E G L E R
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Die neue Dichterschule
bemüht sich
um die dritte Dimension der Sprache
♥ Die Ironie trägt die Farbe der Rose
A U S
"S P R A C H P A N T O M I M E II"
Die Ironie trägt die Farbe der Rose
Die Welt mit einem Gedanken fortsetzen – statt mit dem Frühstück.
Geduld des Papiers ist die Ungeduld meiner Schreibfeder.
Ich verlor den Glauben an das Wort. Eine minderjährige Hochstaplerin aus dem Internet gab ihn mir wieder.
Ewigkeit ist Zeitverschwendung.
ICH LEBE
wie ein Student
zig Bücher
hunderte Ideen
cash besitze ich 7,23 €
aufstehen
bevor die Läden zu machen
…
Aber ein Groß-Maul…
Und noch etwas:
Die Nachbarn beschweren sich
über meine nächtlichen Klavier Jazz Konzerte.
BLAUER VOLVO (I)
Es war kurz nach sieben…
Ein Mannheimer Industriegebiet.
Zu Hause lag unerledigte Post.
Ein blauer Volvo tauchte auf.
Er kam von einer Querstraße rechts.
Lichter an.
Er näherte sich
und wurde langsamer.
…
John Coltrane spielte Blues.
Welch eine Inszenierung.
Ich sah schon – wie der Wagen hält,
wie die Tür der Limousine aufgeht,
wie sie ihr langes Bein aus dem Auto rausstreckt
und ihren Schuh auf den glatten Asphalt setzt.
Es war Mittwoch. Ihr Sohn schrieb an dem Tag Englisch.
Sie nahm sich einen halben Tag frei im Büro.
Es ist gleich um die Ecke.
Der Seiltanz durfte beginnen.
Sie überquerte die Straße…
Blue Jeans, warme Jacke. Anfang März.
Lass uns mit meinem Auto fahren, sagte sie.
Nein. Es ist zu riskant, erwiderte ich kategorisch.
Sie knallte die Tür meines MG zu
und ging zurück.
Sie strengte sich an –
mit ihrem U-Boot ordnungsgemäß vor Anker zu gehen.
…
Ich habe für frische Bettwäsche gesorgt
und eine Kleinigkeit zum Frühstück.
Es klingelte an der Tür.
O Kurwa, dachte ich.
Bestimmt nur Post, sagte sie.
…
Ich kochte gerade Kaffee
und warf einen Blick auf die Wanduhr:
Dein Junge schreibt schon, rief ich.
Jaaa, er wird schon fertig sein.
Er ist sehr fleißig in der Schule.
Auf dem Rückweg wurden wir geblitzt.
Hätten wir den Volvo genommen,
hätte ihr Mann eine hochinteressante Post erhalten…
In meinem Briefkasten lag ein Abholschein:
Briefsendung. Einschreiben.
BLAUER VOLVO (II)
[...]
Ich bin zu schwach für das Wort
der Bleistift ist leichter und erzeugt überraschende Schatten
Die schlanke Frau
trägt ein Gewicht mit sich rum...
er ein Groß-Maul…
Und noch etwas:
Die Nachbarn beschweren sich
über meine nächtlichen Klavier Jazz Konzerte.
Seiltänzerin, Beton (42/46cm)
C R P S
IN DER MITW PRZERWIE OBIADOWEJ
Ironie, die verletzt – tötet nicht.
Nichts öffnet so viele neue Wege – wie das endgültige Scheitern.
Geruchlose Weiblichkeit ist ein Ersatz für die misslungene Satire.
Manchmal gebe ich dem Pegasus Hufeisen statt Flügeln.
Nur ein scharfes Auge lässt sich zudrücken.
♙ ♖ ♦ ♥ ♠ ♞ ♖ ♘
♛ ♗ ♖ ♘ ♗ ♣
♘♝ ❤ ♣ ♦ ♙ ♜
♔ ♕ ♝ ♜
♣ ♚ ♙
♙ ♞ ♙ ♙♣ ♘
Den Wecker aufzuziehen, ist - wie für EINEN verfehlten Schach-Zug,
eine weitere Figur opfern zu müssen.
Ein treffend formulierter Gedanke hat die Chance – die Menschheit zu überdauern.
Säge nicht am Ast, der eh bricht.
Sie wird immer egoistischer. Wie wenn sie nicht weiblich genug wäre.
Wenn Fahnen aus den Fenstern hängen – hängt etwas in der Luft.
Die Welt wäre verzerrt, wenn sich Kitsch vermeiden ließe.
GÄRTNER T. WAR GUT BEWAFFNET
Sonntagnachmittag. Sommer.
Wir hatten einen Besuch.
Eine schöne Frau. Ich war Grundschüler.
Die weißen Tauben des Gärtners kreisten über unseren Garten.
Meine Eltern meinten – ich soll die Dame zur Hauptstraße begleiten.
Unser Haus wurde während des Zweiten Weltkrieges erbaut.
Der Onkel meines Vaters, der das Haus baute
ging 1958 nach Merzig.
Wir gingen am Haus des Gärtners vorbei.
Die Frau war eine ganz nette.
Wir unterhielten uns.
Die weißen Tauben stritten auf dem Dach des Gärtner-Hauses.
Gärtner T. hatte Waffen im Haus.
T. erzählte von seinem Leben.
Ich half gelegentlich aus in seinem Garten.
„Ziegler, ich brauche die kleine Schaufel. Die muss irgendwo hier liegen.“
Ich mag die Luft der Gewächshäuser. Sie tut einem gut.
Die Warme Feuchtigkeit.
„Ziegler! Bring die Abfälle weg.“
Die Briefträgerin war mit dem Fahrrad unterwegs.
Ich besuche immer wieder den botanischen Garten der Uni Heidelberg…
Ich atme diese feuchte Luft immer tief ein.
Ich atme.
T. stammte aus dem Dorf, in dem der berühmte Maler
Jan Cybis geboren war.
...
T. war bei der SS an der Ost-Front.
Die Hübsche trug ein leichtes Sommerkleid.
Wir unterhielten uns.
T. erzählte von seinem Einsatz in der Ukraine.
Er erlitt dort Verletzungen… Im Gesicht.
Wir saßen in der Küche. Seine Frau machte Brote.
Sie hatten keine Kinder.
"Ziegler, ich verkaufe dir zwei Tauben."
Seine Frau wischte den alten Küchentisch ab.
Brot-Krümel.
"Ziegler, es sind schöne Tiere."
Es waren Pfau-Tauben.
"Ja, ich weiß. Ich werde auf sie aufpassen. Herr T.!"
Ich verzichtete auf den Hitler-Gruß.
Der alte Sack wusste – die Tauben kommen zu ihm zurück.
Seine Frau starb.
Dann hatte er eine Beziehung mit der Briefträgerin.
In einem Streit schoss er auf sie…
Die hübsche Dame lächelte beim Abschied.
♥ Worte wie Humor und Melancholie lösen sich in meinen Ideen ab wie Synonyme.
♠ Welche Frau möchte nicht die heilige Hure sein?
♣ Das Wort überrascht mich immer wieder. Was ich von der Sprache nicht behaupten kann.
♦ Im Dunkeln sind Worte pantomimisch hell.
Satire ohne Pointe – ist lediglich witzig.
Ironie macht resistent gegen das plötzliche Ermüden mitten im Satz.
Der Alltagsmensch foltert mich zu Unsterblichkeit.
Ein Herz, das rückwärts schlägt, blutet Tränen.
➸ ❤
Lügen, die nie ans Licht kommen – liefern die meiste Erkenntnis über die Wahrheit.
Meine Lebenskraft schöpfe ich aus der Quelle der Labilität.
Die Geschichte gewinnt am Wert, wenn sie an Bedeutung verliert.
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▤ ▥ ▦ ▧ ▨
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Ich bin noch unschlüssig –
welchen Gedanken ich mit ins Grab nehme.
☝
IN DER MITTAGSPAUSE
W PRZERWIE OBIADOWEJ
spielen wir Badminton,
gramy w badmintona,
oder spazieren im Wald
lub spacerujemy w lesie
entlang der A 6.
wzdłuż A 6.
Sie erzählt von der Arbeit,
Ona opowiada o pracy,
ich von meinen Plänen.
ja o moich planach.
Wenn das Tageslicht günstig ist –
Gdy światło dzienne jest sprzyjające -
fotografiere ich. Manchmal viel.
fotografuję. Czasami dużo.
Wir haben Sex in meinem Kleinbus.
Mamy sex w moim busiku.
...
...
Die Fotos sind sehr deutlich.
Fotografie są bardzo wyraźne.
Man kann auch relativ kleine Details erkennen.
Można również rozpoznać względnie małe szczegóły.
Ich meine die Satellit-Aufnahmen
Mam na myśli zdjęcia satelitarne
von Google.
Google.
Der Kleinbus ist auf den Fotos nicht zu sehen.
Busika na zdjęciach nie widać.
Ich parke immer unter zwei großen Bäumen…
Parkuję zawsze pod dwoma wielkimi drzewami...
Man kann nicht vorsichtig genug sein.
Nie można być dostatecznie ostrożnym.
Die Melancholie bedient sich der Satire.
Exakt sind nur zwei Dinge: Die Satire und die Schwangerschaft.
Wie die Weiblichkeit ihre Fruchtbarkeit maskiert – so maskiere ich zuweilen meinen
WITZ. ✌
IN MEINE WOHNUNG HAT SICH
eine Fledermaus verirrt.
Ich schnappte die Kamera…
Ich drückte ab:
klick-klack
Sie flog mir
direkt vors Gesicht.
Noch mal…
Klick-klack…
Und wieder,
und immer wieder.
Sie ließ sich nicht beeindrucken.
Sie drehte geräuschlos einige Runden
in meinem Zimmer.
Sie fand bald den Ausweg
durch die Balkontür.
…
Auf den Fotos ist die Fledermaus
nicht zu sehen.
Ich kriege sie noch
in den Kasten.
Ich bin besessen.
AFRIKA BRAUCHT WÄRME.
Auch wahre Namen bezeichnen falsche Adressen.
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E s i s t e i n e K u n s t – d e n K i t s c h z u d e f i n i e r e n.
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RUSSISCH FÜR FORTGESCHRITTENE
RUSSISCH FÜR FORTGESCHRITTENE
Wir aßen Bigos
und tranken ukrainischen Wodka
Ich umarmte sie
und atmete das Blonde ihrer Haare
Sie mag den Wodka mit Honig
Ich glitt mit den Fingern
entlang ihrer Wirbelsäule
rauf und runter
Sie murmelte wie eine Mieze
Ich flüsterte ihr ins Ohr auf Russisch:
Я хочу тебя. (Ich will dich).
Ihre Tochter dagegen schrie:
Fickt euch!
Du verwöhnst mich, sagte sie
Ich verwöhnte sie
Die Tochter wollte 10 Euro
für die Disco
Ich verwöhnte sie
Du verwöhnst mich, sagte sie
Scheiße, ich bin voll asozial, schrie die kleine Jüdin
Ich verwöhnte sie
Du verwöhnst mich
Ich hab‘ nichts, ich hab‘ nichts – rief die Tochter
Fickt euch!
Die kleine drehte durch
Иди сюда! (Komm her!)
Sie bekam den 10-er für die Disco
Fickt euch…
John Coltrane spielte
„Russian lullaby“
☞ BESCHREIBUNG eines Tages: ALLE TERMINE ABSAGEN
DIE MASSAI
tragen am Körper
Farben und
verständigen sich
mit Hilfe von Aphorismen.
…
Auf dem Wochenmarkt
der Massai
westlich von Arusha
wird neben Bananen und Tomaten
AIDS
vermarktet…
Die hübsche Schlanke…
In Rot -
am Straßenrand.
Verberge dich hinter einem Spiel mit offenen Karten.
Der Tanzpartnerin auf den Fuß zu treten – gleicht einer Zug Entgleisung.
Die Grenzen der Ehe sind nicht die Grenzen der Gefühle.
Kunst, die altert – reift nicht.
Es gibt Geräusche, die wahrnehmbar sind – wenn man die Augen schließt.
ICH ZOG MIT DER FOTO-KAMERA
durch die Herren-Toiletten
der Uni Heidelberg.
...
Es begann nach dem Gesang
in den Mai.
Draußen fröhliche Stimmen.
Ich fotografierte wie besessen.
Die Herren-Toiletten.
Isabella tat das Gleiche
auf Damen-Klos…
Die Lichtverhältnisse waren ungünstig.
Die Erkenntnisse waren hell.
Das Philosophische Seminar,
Herren WC:
„Ich schlage Frauen.“
„Ich bewundere Männer, die eingebildeten Weibern
die Fresse polieren, wenn sie frech werden.“
(…)
„ Du bist selbst dazu unfähig.
Gib dich zu erkennen.
Und ich garantiere dir 14 Tage Schmerzen
und ein Dauer-Make-up.“
„Du begibst dich auf sein Niveau.“
„Das ist doch keine philosophische Haltung.“
„Bloß nicht weinen.“
„Ihr alle seid links, und ich bin Gott…
Ich werde es unterbinden.“
(…)
Bei den Medizinern fand ich einige
schwule Kontaktanzeigen,
mit Handy Nummer, Mail-Adresse…
Die Burschen.
Isabella fand auf Damen WCs nichts.
ZURÜCK ZU DEN WURZELN DER SATIRE
Ende August 1993
wurde ich von der Heidelberger Polizei
in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert.
SUIZID GEFAHR
…
Am nächsten Morgen
musste ich beim Frühstück
Tabletten schlucken.
Der Pfleger achtete sehr genau drauf.
Regina, die rechts am Tisch saß, flüsterte:
Hol dir immer ein Glas Milch.
So kannst du die Tabletten ins Glas ausspucken,
ohne dass der Pfleger etwas merkt.
Zwickmühle?
Regina ist eine pensionierte Geschichtslehrerin.
Ich beobachtete ihre Hände.
Ich hätte sie gerne berührt.
Diese Hände trugen Essen.
Sie versteckten ihr Gesicht.
Diese Hände befriedigten Männer.
Diese Hände schrieben Namen und Datums an die Tafel…
...
D A D A
Claudia S. sang nach dem Frühstück
im Flur.
Claudia S. war Abiturientin.
Claudia S. sang: „Das Kinderbuch kommt aus dem Radio“.
Sie liebte Franz Kafka.
Claudia S. war in Prag. Sie ging über die alte Brücke.
Als Regina erfuhr,
dass ich aus Schlesien stamme –
erzählte sie von den schlesischen Kriegen.
Du hast Tabletten geschluckt- schrie sie Claudia S. an.
Und du… Du Alte?
Claudia S. sang nach dem Abendbrot
„Die Arie“ von J.S.Bach
Am nächsten Tag wurde einer eingeliefert,
der gleich streikte.
Er aß nichts. Er war Mitte 20.
Die Stationsärztin wurde aggressiv.
Nach drei Tagen gab er auf.
Er erzählte – er kauft keine Socken…
Er holt sich gebrauchte Socken beim Roten Kreuz.
Der Typ stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie aus Mannheim.
Er bekam Besuch.
Ich lernte seine Mutter kennen.
Als sie erfuhr – ich zeichne,
besorgte sie mir Zeug zum Zeichnen.
Ich zeichnete.
Warum gehen Sie nicht in den Garten?
Fragte mich die Ärztin.
Kein Bedürfnis.
Eine Woche später spielte ich mit Claudia S.
Tischtennis im Garten der Klinik.
Nur kurz. Wir setzten uns auf die Bank.
Warum bist du hier? – fragte sie.
[...]
Bleib so - wie du bist...

Waldrapp
WIEDERHOLUNG
Müdes Grün legt sich hin
Als wolle es sich erholen
Ich schaue hin
Es wird vom Winde gestohlen
Aus der Schlaflosigkeit erwacht
Die Nacht hatte mir ein Wort beigebracht
Es reimt sich auf meine Sprache
Und wie ich darüber lache
Müdes Grün legt sich hin
Als wolle es sich erholen
Müdes Grün legt sich hin
Ich werde mich wiederholen